Heimatverein Kreiensen e.V.

von 1997


Von der Volksschule zum Bürgerhaus
100 Jahre lebendiger Dorfmittelpunkt


(Bilder unten)
Also lautet der Beschluß, daß der Mensch was lernen muß.“

Diese eingängige Weisheit des Dichters Wilhelm Busch ist wohl fast jedem Leser geläufig, zumal wenn er sich an seine eigene Schulzeit erinnert. Neben den Grundfertigkeiten Schreiben, Lesen und Rechnen fordert W. Busch auch Bildungsstreben ein, wenn er reimt
 „…auch der Weisheit Lehren, muß man mit Vergnügen hören.“

Das Schulgebäude in Kreiensen, wo man eifrig den Lernanforderungen von W. Busch nachkommen wollte,
befindet sich im Dorfmittelpunkt.
Am 11. April 1926 wurde die Volksschule Am Plan 4 (ab 1986 Bürgerhaus) eingeweiht.
Das Gebäude kann somit im Jahr 2026 auf eine

100-jährige
Geschichte zurückblicken. (Foto 1)
Warum hatte man sich damals für einen Neubau entschieden, da doch schon ein geräumiges Schulgebäude in direkter Nachbarschaft gegenüber an der Wilhelmstraße zur Verfügung stand? Genügte das 1864 errichtete und 20 Jahre später erweiterte Fachwerkgebäude nicht mehr den Anforderungen?

Das Dorf Kreiensen war auf Grund seines Standortes als Eisenbahnknotenpunkt mit seinem prächtigen wilhelminischen Bahnhofsgebäude kontinuierlich gewachsen. Bahn, Post und Gewerbebetriebe trugen erheblich zum Anstieg der Bevölkerung bei. Bis in die 1920er Jahre war die Einwohnerzahl auf ca. 2000 Personen gestiegen und die Zahl der schulpflichtigen Kinder hatte sich deutlich erhöht. Deshalb reichte das Raumangebot der bisherigen Schule an der Wilhelmstraße nicht mehr aus. Der Neubau eines weiteren Schulgebäudes war also dringend geboten. (Foto 2)

Trotz der Wirren der Nachkriegsjahre und der Superinflation in den frühen 1920er Jahren war es den Kreiensener Gemeindevertretern nach zähen Verhandlungen mit dem Ministerium in Braunschweig gelungen, die Finanzierung eines Schulneubaus zu sichern. Die Gemeinde Kreiensen selbst beteiligte sich mit ca. 35.500 RM, die Gemeinde Billerbeck steuerte ca. 7.400 RM bei und die Gemeinde Beulshausen brachte ca. 3.200 RM auf.
Die Gesamtkosten des Neubaus betrugen ca. 200.000 RM.

 Die Baufirma Marten aus Gandersheim erhielt den Auftrag und stand bei der Gründung des Gebäudes vor den gleichen Problemen, die auch zehn Jahre später beim Neubau der Kreiensener Kirche auftreten sollten:  Der Boden war zu feucht, weil sich hier das ehemalige Flussbett der Gande befunden hatte. Deshalb war es erforderlich, die Fundamentplatte mit 133 Zementbeton-Bohrpfählen zu stabilisieren (Foto 3). Die Bauarbeiten gingen zügig und planmäßig voran, sodass schon im August 1925 das Richtfest gefeiert werden konnte (Foto 4).
Offiziell wurde die Bürgerschule am 11. April 1926 von Rektor Temme mit einem Festakt eröffnet. Die Heimatzeitung berichtete ausführlich und lobte den stattlichen Neubau mit seinen 8 Klassenräumen in höchsten Tönen. Modern ausgestattet und pädagogisch auf dem neuesten Stand sei es ein Gewinn für die aufstrebende Gemeinde Kreiensen und Umgebung. So seien nur besten Materialien in Meisterarbeit für die Innenausstattung verwendet worden.
Die künstlerisch wertvoll gestalteten bemalten Fenster am Treppenaufgang müssten zudem einen Vergleich mit städtischen Schulen nicht scheuen. (Foto 5)

Der Besuch der Schule war anfangs für Schüler aus einigen umliegenden Orten nicht kostenlos. Die Eltern mussten 5,- Mark pro Quartal Schulgeld zahlen, wie ein Dokument aus dem Schuljahr 1927/28 zeigt.
Das Zeugnis eines Schülers der alten Volksschule von 1925, Rektor war Herr Temme. (Foto 6 und Foto 7)
Das Foto 8 von 1928 zeigt deutlich die große Anzahl der Schüler der gesamten neugebauten Volksschule.
Das Foto 9 zeigt den Einschulungsjahrgang von 1933 mit der Lehrerin Frl. Harenberg (später verh. Frau Heinrich)
und verdeutlicht außerdem, dass Schülerzahlen einer Klasse von über 30 keine Seltenheit waren.

In den 1950er Jahren wurde ein sog. „Aufbauzug“ eingerichtet, d.h., die Volksschule erhielt einen Realschulzweig. Die komplette 6-zügige Realschule nutzte dann aus Platzgründen ab den 1960ern auch die Räume der Fachwerkschule gegenüber. Langjähriger Leiter der Mittelschule war Rektor Hermann Biel, der auf manche Klassenfahrt gern seine Ehefrau mitnahm. (Foto 10, Foto 11).

Mit dem Neubau der Kreiensener Grundschule/Volksschule am Thie im Jahre 1958 (Foto 12) änderte sich die Schullandschaft wiederum. Die Realschule nutzte die alte (Fachwerk-)Schule und in die Volksschule Am Plan 4
(jetzt Bürgerhaus) zog teilweise die Haus- und Landwirtschaftsschule des Westkreises Gandersheim ein.

Politischer und gesellschaftlicher Aufbruch in den 1960ern befeuerten die Diskussionen um Schulstrukturen und Bildungsreformen. Sichtbares Ergebnis dieses beklagten „Bildungsnotstandes“ war 1971 die Eröffnung des
Schulzentrums in Greene. Hier sollten alle Schulformen inklusive geplanter Orientierungsstufe
mittelfristig „unter einem Dach“ zusammengeführt werden. (Foto 13).
So endete 1983 schließlich langfristig die Nutzung der Volksschule als reines Schulgebäude.
Nach ca. 60 Jahren schulischer Nutzung war die Gemeinde Kreiensen gefordert, Entwicklungsmöglichkeiten
für das Haus zu prüfen. Nach vielen intensiven Diskussionen um Finanzierung und Ausgestaltung des Hauses
entwickelte die Gemeinde Kreiensen ein neues Nutzungskonzept. Als „Bürgerhaus“ sollte es im Mittelpunkt
des Ortes den Einwohnern als Anlaufstelle für ein lebendiges Miteinander dienen und die Dorfgemeinschaft fördern.

Auftakt für die Funktion als Bürgerhaus war 1986 die Eröffnung einer Altenbegegnungsstätte durch die Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt ( AWO). (Foto 14, Foto 15) Danach nahm die Nutzung des Bürgerhauses deutlich an Fahrt auf
und das Haus belebte sich zusehends. Während der vergangenen 40 Jahre beheimatete das Haus unter anderem verschiedene Vereine und Institutionen: Polizeistation, Igelzentrum, Sozialstation, Kleiderkammer der FFW, Arbeiterwohlfahrt (AWO), Gemeindejugendring/Jugendpflege, Gesangverein, Gemeinde (Aktendepot), Bücherei, Deutschunterricht für Russland-Flüchtlinge, Fahrradwerkstatt (Migranten) (Foto 16). Der Einbau einer modernen Toilettenanlage, die Dämmung der Dachgeschossdecke und der komplette Austausch der Fenster haben das Bürgerhaus auch für die Zukunft gut aufgestellt. Renovierungen allein reichen aber nicht aus, das Haus muss auch „belebt“ werden. Deshalb sei an dieser Stelle allen Ehrenamtlichen gedankt, die sich in den vergangenen 40 Jahren bürgerschaftlich engagiert haben und das Bürgerhaus „mit Leben“ erfüllt haben. Momentan nutzen 5 Vereine die Räumlichkeiten: der Heimatverein Kreiensen, der Singkreis, die Marinekameradschaft, der Angelverein und Aikido-Sport. Zudem steht dem Ortsrat Kreiensen ein Raum für Rats- und Ausschusssitzungen zur Verfügung.
Im Keller des Bürgerhauses befindet sich der Jugendraum.

Es bleibt also zu wünschen, dass sich auch zukünftig weiterhin Menschen finden und engagieren,
die das Gebäude zu dem machen, was in seinem Namen zum Ausdruck kommt:

Das Bürgerhaus – ein Haus von Bürgern für Bürger!
 

Rolf Bruns

Fotos: Wolfgang Oelze u. Archiv Heimatverein Kreiensen                       

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Bildergalerie zum Bürgerhaus


Foto 1

 



Foto 2

     


Foto 3

 


Foto 4

     


Foto 5

 


Foto 6 (Zeugnis)

     


Foto 7 (Zeugnis)

 


Foto 8

     


Mädchenkopf
(am Gebäude links)


Jungenkopf
(am Gebäude rechts)

 


Foto 9 (Einschulungsjahrgang von 1933)

     


Foto 10

 


Foto 11 (Rektor Hermann Biel)

     


Foto 12 (Kreiensener Grundschule/Volksschule am Thie)

 


Foto 13 (Schulzentrum in Greene)

     


Foto 14 (Arbeiterwohlfahrt)

 


Foto 15 (Arbeiterwohlfahrt)

     


Polizeistation

 


Foto 16 (Fahrradwerkstatt)

     


Marinekameradschaft (Admiral von Hipper)

 


Angelverein

     


Singkreis

 


Sitzungszimmer

     


Heimatverein Kreiensen e.V.

 


Heimatverein Kreiensen e.V. (Bürgerstube)

 

 

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